Im Jahr vor dem 100. Geburtstag des Nürburgrings ist beim BELMOT Oldtimer-Grand-Prix ein ganz besonderes Stück Ring-Geschichte zu sehen: der Mercedes-Benz 680 S, mit dem Rudolf Caracciola 1927 das Eröffnungsrennen gewann. Der außergewöhnliche Wagen ragt selbst aus dem faszinierenden Vorkriegsfeld der Vintage Sports Car Trophy heraus.

Als der Nürburgring im Juni 1927 eröffnet wurde, gehörte Rudolf Caracciola bereits zu den bekanntesten deutschen Rennfahrern. Das erste Automobilrennen auf der neuen Strecke legte den Grundstein für seinen späteren Ruf als „Ringmeister“: Mit dem damals neuen Mercedes-Benz Typ S gewann er nach zwölf Runden die Sportwagenklasse über fünf Liter vor Adolf Rosenberger. Für Mercedes-Benz endete der Tag mit einem Dreifacherfolg in der Top-KLasse. Zugleich war der Sieg ein eindrucksvoller Einstand für den neuen Sportwagen aus Stuttgart.

Fast 100 Jahre später ist der Sieger-680 S wieder am Nürburgring zu sehen. Der Wagen gehörte zeitweise Caracciola selbst, seine weitere Geschichte verlief jedoch über einige Umwege. Er gelangte unter anderem in die USA und kam schließlich zur Familie Kern – zunächst, ohne als Caracciolas Siegerwagen erkannt zu werden.

Siegerwagen mit besonderer Geschichte

„Wir haben ihn als normalen S-Wagen gekauft“, erzählt Eigner Thomas Kern. Erst eine genauere Untersuchung brachte die besondere Vergangenheit des Autos ans Licht. Die Motornummer und Auszüge aus den Kommissionsbüchern von Mercedes-Benz lieferten wichtige Hinweise. Hinzu kamen charakteristische Details am Fahrgestell, darunter die Befestigung der Stoßdämpfer und eine abweichende Quertraverse am Heck. Die historische Substanz von Rahmen und Motor ließ sich so zweifelsfrei dem Siegerwagen von 1927 zuordnen. Die im Laufe der Jahrzehnte verloren gegangene Rennsportkarosserie wurde wieder aufgebaut.

Für Kern sind Fahrzeuge wie der geschichtsträchtige Kompressor-Mercedes trotz ihrer Bedeutung keine unbeweglichen Ausstellungsstücke. „Das sind Fahrautos, keine Stehautos“, sagt er. Diese Haltung teilt auch sein Bruder Markus. Gemeinsam können die beiden auf die komplette Reihe der Rennsportversionen der Mercedes-Benz-S-Reihe zurückgreifen und setzen die Fahrzeuge regelmäßig bei historischen Veranstaltungen ein.

Kompressorschub mit Ansage

Der mechanisch zugeschaltete Kompressor prägt das Erlebnis am Steuer dieser ganz besonderen Fahrzeuge. Erst wenn das Gaspedal über die Vollgasstellung hinaus durchgetreten wird, rückt über ein Gestänge eine Lamellenkupplung ein. Der Kompressor läuft mit hoher Drehzahl an – und macht sich sofort bemerkbar. „Dann schiebt es. Und wird laut“, beschreibt Kern den Effekt trocken.

Geschwindigkeiten um 180 km/h sind mit den großen Rennsportwagen möglich. Entspannt ist das allerdings nicht: Die kleine Windschutzscheibe bietet kaum Schutz, starre Achsen lassen das Auto über Unebenheiten springen. Mehr Freude als hohes Tempo auf gerader Strecke bereiten Kern deshalb kurvenreiche Fahrten in den Bergen.

Vintage Sports Car Trophy: Vielfalt ist Trumpf

Beim BELMOT Oldtimer-Grand-Prix trifft der Caracciola-Mercedes auf ein vielfältiges Panorama der Vorkriegszeit. Leichte britische Sportwagen von Marken wie MG, Riley oder Alvis stehen für eine völlig andere konstruktive Philosophie als die großen, bulligen Kompressor-Mercedes. Es ist diese Vielfalt, die den Reiz der Trophy ausmacht, die bei früheren Auflagen des Oldtimer-Grand-Prix auch schon als echte Rennveranstaltung ausgetragen wurde. Heute allerdings werden die betagten Fahrzeuge diesem Stress nicht mehr unterzogen, sondern gehen im Rahmen von „Time on Track“-Zeitfenstern auf die Strecke.

Für Thomas Kern richtet sich der Blick dabei schon auf das kommende Jahr, wenn der Nürburgring seinen 100. Geburtstag feiert. Er formuliert mit einem Augenzwinkern, warum der Siegerwagen von 1927 mit Blick auf das Jubiläum in Bewegung gehalten wird: „Deswegen üben wir ja dieses Jahr schon.“